Modernisierungsoffensive im Nordviertel

Anfang 2027 könnte es so weit sein, dass im AllbauQuartier “Schlenhofstraße” im Nordviertel sich Handwerker unterschiedlichster Gewerke im Rahmen eines Großmodernisierungsprojektes die Klinke in die Hand geben. Allbau, Essens größter Wohnungsanbieter, wartet gerade auf die notwendigen Förderzusagen und würde dann hier im Nordviertel rund 14,5 Mio. Euro in 21 Gebäude (Baujahr: 1946) mit 165 Mietwohnungen investieren. 

Das Besondere an dem Großmodernisierungsprojekt es wird begleitet durch das Modellvorhaben “Hitzefrei im Pott”. Das Essener Vorhaben ist eines von bundesweit sieben Modellvorhaben der „Urban Heat Labs – Hitzevorsorge in Stadtquartieren und Gebäuden“ im Forschungsprogramm Experimenteller Wohnungs- und Städtebau (ExWoSt) des Bundesministeriums für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen (BMWSB) und des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR). „Hitzefrei im Pott“ legt den Fokus auf Maßnahmen zur Hitzevorsorge in besonders betroffenen Wohnquartieren. Untersucht wird, wie Maßnahmen zur Hitzevorsorge sinnvoll in ohnehin anstehende Modernisierungsprozesse integriert werden können. Zudem sollen gemeinsam mit den Anwohner*innen neue Ansätze für den Umgang mit Hitze im Allbau-Bestandsquartier rund um die Schlenhofstraße entwickelt und erprobt werden. Dabei geht es sowohl um bauliche und freiraumbezogene Maßnahmen als auch um die Frage, wie Bewohner*innen informiert, sensibilisiert und in die Entwicklung geeigneter Lösungen einbezogen werden können. Die Allbau GmbH bringt ihre Perspektive als lokaler Wohnungsanbieter ein, das Umweltamt der Stadt Essen koordiniert die kommunale Umsetzung. Fachlich unterstützen die Universität Kassel, der RVR und das BuGG das Vorhaben. 

Aber was wird genau gemacht? Da dieses Großprojekt eine parallele Bearbeitung aller Häuser nicht zulässt, werden die einzelnen Häusergruppen nacheinander modernisiert. Alle Gebäude werden energetisch auf den EH-85 Standard gebracht, was zur Senkung der Heizkosten führt, die wiederum die Erhöhung der Grundmiete abfedert. Dabei wird die bisher vorhandene dezentrale bzw. zentrale Wärmeversorgung mittels Elektronachtspeicherheizungen, Gasetagenheizungen sowie teilweise Gaszentralheizung zukünftig durch eine zentrale Gebäudeenergieversorgung mittels Fernwärme (Primärnetz) durch die iqony ersetzt bzw. neu aufgebaut. Um die benötigte Wärme in allen Gebäuden bereitstellen zu können, wird ein wasserbasiertes Heizungssystem (Sekundärnetz), vom jeweiligen Wärmeübergabepunkt im Keller bis in die neuen Heizkörper in den jeweiligen Wohnungen, komplett neu errichtet bzw. neu angeschlossen. Zusätzlich erhalten alle Gebäude unter anderem eine umfangreiche Dämmung der Fassaden, Kellerdecken und Dächer, sowie einen Austausch der Fenster. Insgesamt werden in den energetisch modernisierten Mietwohnungen pro Jahr Einsparungen von etwa 242 Tonnen CO2 erreicht, eine Reduzierung von rund 71 Prozent. Vor allem durch die Heizungsumstellung und die geplanten Maßnahmen zur Dämmung der Gebäudehülle prognostiziert Allbau eine durchschnittliche Reduzierung der Heizkosten von rund 0,60 Euro/m². 

Mit Ausnahme der Dachgeschoss-Wohnungen sowie einzelner Wohnungen, in denen dies baurechtlich nicht zulässig ist, werden alle Wohnungen mit einem Balkon ausgestattet. Um das Sicherheitsempfinden der Mieter*innen weiter zu stärken, werden nicht nur die Fenster, sondern auch Wohnungseingangstüren getauscht sowie die Gegensprechanlagen erneuert. In diesem Zusammenhang erhalten die Fenster im Erdgeschoss sowie an den Balkonen einen zusätzlichen Einbruchschutz. Ein neuer freundlicher Fassadenanstrich wird zusätzlich für eine 

Mehr Lebensqualität durch attraktivere und klimaangepasste Außenflächen

Die Großmodernisierung wird durch das angewandt-forschende Modellvorhaben „Hitzefrei im Pott“ begleitet. Im Quartier Schlenhofstraße wird untersucht, wie Maßnahmen zur Hitzevorsorge gezielt in ohnehin anstehende Modernisierungsprozesse integriert werden können. Ziel ist es, Klimaanpassung nicht als zusätzliche Aufgabe „on top“ zu betrachten, sondern geeignete Maßnahmen frühzeitig mitzudenken und möglichst unmittelbar mit der Modernisierung umzusetzen. Gleichzeitig wird erprobt, wie die Anwohner*innen verständlich informiert, für die gesundheitlichen Auswirkungen von Hitze sensibilisiert und in die Entwicklung und Ausgestaltung von Maßnahmen einbezogen werden können.

Im Mittelpunkt stehen dabei konkrete Ansätze auf Gebäude- und Freiraumebene sowie im sozialen Bereich, beispielsweise Verschattung und Begrünung, ein klimaangepasster Umgang mit Regenwasser, die Verbesserung des Mikroklimas und der Aufenthaltsqualität sowie niedrigschwellige Informations- und Unterstützungsangebote zur Hitzevorsorge. Die Erfahrungen aus dem Quartier sollen zeigen, welche Lösungen sich in der Praxis bewähren und wie sich diese auch auf Modernisierungsprozesse in anderen Bestandsquartieren übertragen lassen.

Im Essener Modellquartier an der Schlenhofstraße wird untersucht, wie stark die Anwohner*innen von sommerlicher Hitze betroffen sind und welche Ansatzpunkte sich im laufenden Modernisierungsprozess der Allbau für zusätzliche Hitzevorsorge bieten. „Entscheidend ist, beide Seiten zusammenzubringen: „den Blick auf die konkrete Hitzebelastung der Anwohner*innen und darauf, was die Allbau im Rahmen ihrer Modernisierung bereits für die Hitzevorsorge leistet. Darauf aufbauend wollen wir herausfinden, welche zusätzlichen Maßnahmen sich möglichst ohne wesentliche Mehrkosten in ohnehin geplante Prozesse integrieren lassen. Genau darin liegt ein großer Vorteil dieses Ansatzes“ so Sonja Eisenmann, Leiterin des Umweltamts der Stadt Essen. Beim Pilotprojekt Schlenhofstraße fließen die Ergebnisse der Beteiligung in die Freiraumplanung sowie in das Nutzungskonzept ein. Die Planung betrachtet die Außenanlagen als zusammenhängendes System aus grüner und blauer Infrastruktur und verbindet Aufenthaltsqualität, Regenwassermanagement und Hitzevorsorge. 

Obwohl im Quartier ein Austausch der verschiedenen Generationen beispielsweise über Spiel- und Gemeinschaftsflächen schon möglich ist, wird auch der Außenbereich aufgewertet. Die vorhandenen Spiel- und Gemeinschaftsflächen werden im Zuge der Freiraumplanung weiterentwickelt und durch neue, möglichst schattige Kommunikations- und Aufenthaltsbereiche ergänzt. Gleichzeitig wird das Grünvolumen erhöht. Vorgesehen sind zusätzliche Baumpflanzungen sowie klimaresiliente Bäume, Sträucher und weitere standortgerechte Pflanzen. Sie spenden Schatten, reduzieren die Aufheizung befestigter Flächen und verbessern das Mikroklima.

Ein weiterer Schwerpunkt ist die Erhöhung der Verdunstungsleistung. Niederschlagswasser von Dachflächen soll - soweit möglich - offen durch die Außenanlagen geführt, zurückgehalten und für die Bewässerung von Bäumen und Vegetationsflächen genutzt werden. Ergänzend sind Zisternen vorgesehen, damit das Grünvolumen auch während längerer Trocken- und Hitzeperioden erhalten bleibt. Begrünte Garagendächer und Fassadenbegrünungen schaffen zusätzliche Verdunstungsflächen und tragen zugleich zur Verschattung und Kühlung des Wohnumfelds bei.

Durch Entsiegelungen und wasserdurchlässige Beläge kann Niederschlagswasser vor Ort versickern oder für die Vegetation verfügbar gemacht werden. Dadurch werden der natürliche Wasserhaushalt unterstützt, die Kanalisation bei Starkregen entlastet und zusätzliche Kühlungseffekte durch Verdunstung ermöglicht 

„Hitzevorsorge gelingt nur gemeinsam – Verwaltung, Wohnungswirtschaft, Wissenschaft und die Menschen vor Ort müssen an einem Strang ziehen“, sagt Simone Raskob, Umweltdezernentin der Stadt Essen. „Mit Hitzefrei im Pott können wir konkret untersuchen, wo wichtige Stellschrauben für die Hitzevorsorge liegen und wie Stadt und Wohnungswirtschaft dabei besser zusammenarbeiten können. Die gewonnenen Erfahrungen sollen uns helfen, solche Ansätze künftig auch auf andere Quartiere zu übertragen.“

Ähnlich sieht dies auch Allbau-Bereichsleiter Wolfgang Telöken: „Entscheidend für die Kühlungswirkung im Freiraum ist das Zusammenspiel mehrerer Maßnahmen: mehr Schatten durch ein höheres Grünvolumen, zusätzliche klimaresiliente Bäume und schattige Aufenthaltsbereiche sowie eine höhere Verdunstungsleistung. Dafür führen wir Regenwasser möglichst offen, nutzen es zur Baumbewässerung und speichern es in Zisternen. Entsiegelte Flächen, wasserdurchlässige Beläge, begrünte Garagendächer und Fassadenbegrünungen ergänzen diesen Ansatz. So entsteht aus vielen aufeinander abgestimmten Maßnahmen ein klimaangepasstes und zugleich attraktives Wohnumfeld.“